Die Yediritter der Fotografie – Back to the roots – Aus der Zeit gefallen – Analog pur.
Der Artikel könnte viele Namen haben.
Ich bin davon überzeugt, dass dem eigenen fotografischen Handeln guttut, wenn man sich ab und an selbst vor die Kamera begibt. Die Hoffnung erlebt, dass man gut rüberkommt, der Mensch hinter der Kamera nicht doof ist und Grenzen wahrt, eine gute Zeit miteinander hat und letztendlich Bilder entstehen, die man getrost vorzeigen kann.
Ich war bei Andreas Mros, in Göttingen und habe mir ein spannendes, gleichwohl nicht „billiges“ Abenteuer gegönnt, von dem ich schon lange geträumt habe. Ich mache es mir mit alten und zum Teil selbstgebauten Objektiven schon nicht leicht beim Fotografieren. Aber Nassplattenfotografie, dass ist stupender Aufwand und Können pur. Das können und wollen nur wenige.
Derzeit erlebt die längst totgeglaubte Analogfotografie eine Renaissance. Jüngere Menschen als ich, stürzen sich auf Kameras, die ich noch nicht mal haben wollte, als ich in deren Alter war. Seis drum. Man entdeckt das Beschränkte, die Simple und verschafft sich so die Gelegenheit mal etwas abwarten zu müssen. Die analoge Fotografie wird zum Gegenspieler einer immer hektischeren Zeit, die angeheizt durch immer leichter verfügbare KI-Instrumente, immer schneller, immer absonderlichere, aber auch realistischer erscheinende Ergebnisse bringen. Wetplate-Fotografie (Nassplattenfotografie) treibt Aufwand, Langsamkeit und sich Zeit nehmen auf die Spitze.
Dieses „sich Zeit nehmen“, bestimmt auch meine Arbeit als Fotograf. Ich sage den Menschen vor meiner Kamera zuerst, dass es nicht so schnell geht, dass wenige Bilder entstehen werden, dass wir jetzt „gemeinsam etwas gestalten“. Der Mensch vor meiner Kamera ist nicht nur ein Statist in meinen Fantasien, sondern ein individueller Wegbegleiter auf einer kleinen Entdeckungsreise, die im Kopf beginnt und mit bestenfalls in guten Bildern endet, in denen sich auch das Model wiederfindet.
Das stößt mittunter auf Unverständnis, weil es mit den derzeitigen Gewohnheiten bricht. Das sorgt für Irritation, diese Irritation schafft – wenn man sie zulässt – Platz für eine Neuordnung der eigenen Wahrnehmung. Wer bin ich, wie sehe ich mich, was will ich der Welt von mir zeigen? Duckface, Grinsekatze, einstudierte Miene, hier meine Schokoladenseite -bestens trainiert und optimiert durch eifrigen Selfiegebrauch. Für mich ist das oft leer, langweilig und schon 1000mal gesehen. Das will ich nicht als Bildergebnis sehen.
Zurück zu meinem Besuch bei Andreas Mros, einem der wenigen Wetplatefotografen in Deutschland, ach was, von ganz Europa.
Es war an dem Tag heiß, die Klamottentasche war gefüllt und die eigentlich immer anwesende Kameratasche ist zuhause geblieben. Heute wollte ich Model sein und mich in die Hände eines zeitreiseerfahrenen Fotografen begeben.
Der Empfang war herzlich und schnell ging es ab in den kühlen Keller. Der war vollgestopft mit Kameras in den Dimensionen eines Bobbycars und größer. Die „gülden“ glänzenden Messing-Objektive sind teils so groß, dass man darin für eine ganze Familie Suppe kochen könnte.
Andreas habe ich übrigens vor einigen Jahren bei Facebook entdeckt und gestaunt, mit welcher handwerklichen Leidenschaft er lederne Objektivdeckel baute. Objektivdeckel???!!! „Nahömma“, die gibt doch schon für Pfennigbeträge bei Temu. Seine Deckel kosten schon mal gut 100 Euro und mehr. Wer braucht sowas? Was ist denn das für eine Type, habe ich mich gefragt?
Als traditioneller Bogenschutze und -bauer bin ich aber schon so einigen Sonderlingen begegnet und habe viel Freude mit ihnen gehabt. Also habe ich ein bisschen den Andreas gestalkt und seine Leidenschaft für Wetplate-Fotografie gesehen.
Jetzt stand ich in seinem Alchemistenkeller, der für mich als Model kaum Platz ließ. Da Portraits beabsichtig waren, und er alles genau für diesen Zweck ausgerichtet hatte, war ich es zufrieden. Nebenan, in Griffweite, war die Dunkelkammer.
Der Zeitsprung
Was dann folgte war ein Sprung aus dem Raum-Zeit-Kontinuum und wir befanden uns plötzlich in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Hinsetzen, die Beleuchtung checken, magisch die Belichtungszeit festlegen, soweit so bekannt. Aber ich hockte auf meinem Stühlchen und der Kopf ruhte vor einer Konstruktion, die das Wackeln minimieren sollte und bekam die Anweisung mich körperlich und innerlich einzurichten und mir diese Pose zu merken. Währenddessen stellte Andreas die Kamera auf meine Augen scharf. In leichtem Plauderton, mit klaren Anweisungen, nahm dieser Prozess gefühlt einige Stunden ein. In Wirklichkeit waren es nur wenige Minuten. Aber die machten deutlich, dass unter solch kontrollierten Bedingungen selbst Wetplate-Fotografie ganz gut beherrschbar ist. Meine Ehrfurcht steigt trotzdem. Ich kann mir kaum ausmalen, was das irgendwo im Wald und auf der Heide bedeutet.
Und dann: Break. Nix Foto, sondern wir gingen nach der Einstellprozedur in die Dunkelkammer. Denn jetzt musste erst einmal die Fotoplatte lichtempfindlich gemacht werden. Da wir uns vorher abgesprochen hatten, in welcher Größe und auf welchem Material fotografiert werden soll, hatte Andreas nicht nur die richtige Kamer, das richtige Objektiv und natürlich auch das richtige Bildformat zur Hand: eine 24 x 30 cm große Aluplatte. Staubfrei versteht sich. Mit handwerklichem Geschick und viel Erfahrung wurde die Platte mit der Collodiumflüssigkeit beschichtet und anschließend in einem Silberbad lichtempfindlich gemacht: ISO 0,5. Hurra und kaum vorstellbar, dass man damit ein Foto machen kann.
Mitsamt der Platte in einer lichtdichten Kassette ging es wieder ins Studio. Pose einnehmen, nochmal die Schärfe korrigieren, die Mattscheibe gegen die Kassette mit der Aluplatte ersetzen, die Lederkappe aufs Objektiv stülpen, den Schieber aus der Kassette ziehen, Pose weiter halten und entspannt gucken. Dann kam wie eine Supernova der 6000 Watt Blitz zu Einsatz. Mich hat fast der Schlag getroffen und vor den Augen war der Blitz noch sekundenlang vorhanden. Halb blind gings zurück in die Dunkelkammer und der Zauber der analogen Fotografie, wie ich sie in den 70 Jahren des alten Jahrhunderts selbst erlebt habe, begann sich zu entfalten. Die Entwicklung begann. Aus einer milchigen Substanz heraus waren erste Schemen erkennbar, aber erst im Fixierbad entwickelte sich aus dem Negativ ein Positiv, mit allerlei unvorhersehbaren Artefakten wie Schlieren, Kratzer, schwarzen Bereichen. Magic. Das alles hat bis dahin ungefähr eine Stunde gedauert und das Bild? Naja, technisch ok, aber vom Ausdruck deutlich verbesserungswürdig.
Ich sah aus wie „Fritz Hamann – der Schlächter aus Hannover“ und fand mich nicht toll. 🙂
Es sind noch 4 weitere Bilder entstanden, wir wurden schneller, die Bilder besser. Das letzte entstand nach ungefähr 3 Stunden. Wir waren beide zufrieden. Dieses Portrait kann jetzt mich und die Generationen nach mir überdauern. Es ist für die Ewigkeit gemacht und funktioniert ohne IT, braucht keinen Bildschirm. Es kann einfach aufgehängt werden oder für Jahre in einer Schublade verschwinden.
Nach weiteren zwei Wochen überreichte mit Andreas die fertigen Bilder, die nun auch noch lichtecht gefirnisst waren.
Es hat kein Ende
Der Gönnung noch nicht genug. Mit dem für mich treffendsten Portrait bin ich zu Rene und Erdmann, von der Firma Print und Rahmen, um einen passenden Rahmen zu finden. Ein Nassplattenfoto in der Größe war selbst für diese beiden alten Hasen ein seltener Anblick. Es hat mehr als eine Stunde gedauert bis auch dieser Schritt beauftragt werden konnte.
Im fertigen Rahmen schwebt die Aluplatte zwischen Glas und Rückwand, ist staub- und ungezieferdicht eingefasst und wie die Platte selbst, ein für mich selbst einzigartiges Kunstwerk.
Nach etwas mehr als 5 Wochen hing es an der Wand.
Gut Ding darf ruhig mal Weile haben.
Fazit
Es war ein spannender Prozess, mit einem Fotografen, der mir viel abverlangt und mich gut zu mir selbst gebracht hat. Es hat sich für mich gelohnt und ist mir jeden Pfennig wert. Das so etwas in diesen schnelllebigen Zeiten möglich ist, hat mich doch sehr versöhnt.
Und wenn Ihr das auch mal erleben wollt, dann kann ich Euch Andreas Mros sehr empfehlen!